Reiseberichte 2002/2005

Reisefotos 2005

Fotos von Winfried Baroke

Reiseberichte 2005

  

Märkte in Burkina Faso
Katharina Krause 2005


Märkte in Burkina Faso sind wie jeder Markt in erster Linie ein Ort zum Waren austauschen. Aber natürlich ist dies auch der Platz, an dem sich alle Leute treffen und die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht werden. Da in den ländlichen Regionen Burkina Fasos Handys, Fernseher, Internet oder auch normale Telefone nicht sehr verbreitet sind, ist der Markt ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel.
Natürlich kann man aber auch alle Lebensmittel auf den Märkten bekommen. Ob man nun tote oder lebende Hühner haben will, Gemüse, Obst, Bohnenbällchen oder frisch gebackenes Brot, alles ist zu haben. Auf vielen Märkten bekommt man dann noch Tücher in allen Farben oder bunte Eimer, was in Burkina Faso Standard ist. Einen einfarbigen Eimer haben wir nirgends entdeckt.

 

In Kongussi war der Markt eine Art Labyrinth in dem wir uns erst zurecht finden mussten. Aber wir bekamen Hilfe von einem Eingeborenem, der uns gerne herumführte, aber da er leider kein Französisch sprach und im Englischen nur „I love you“ sagen konnte, gestaltete sich die Kommunikation etwas schwierig. Beim ersten Besuch wurden wir noch neugierig von den Menschen auf dem Markt betrachtet und besonders die Kinder folgten uns die ganze Zeit mit ihren Waren auf dem Kopf. Aber nach drei Tagen in Kongussi gewöhnten wir uns an den engen und immer vollen Markt und die Eingeborenen gewöhnten sich an uns. Auf den Märkten gibt es nicht nur viele verschiedene Waren, Menschen und Farben, sondern auch viele verschiedene Gerüche. Gerüche nach frisch gebackenem Brot und daneben der Schlachter vor dessen Tür die Aasgeier gierig hocken.

Aber neben den Märkten mit Nahrungsmitteln gibt es auch noch Viehmärkte oder Kunstmärkte. In Gorom-Gorom besuchten wir einen Viehmarkt. Hier stehen die Schafe friedlich neben den Ziegen, Kühen und Eseln. Viele Herden treffen hier auf einander und einige wechseln ihren Besitzer. Neben dem großen Viehmarkt ist auch ein Kunst- und Nahrungsmittelmarkt sehr berühmt in Gorom-Gorom. Auf diesem Markt trifft man auch andere Weiße, die hier Schmuck, Tücher, Trommeln, Skulpturen und vieles mehr bekommen können. Nach ein paar Minuten auf dem Markt hatten wir sofort einen eigenen Führer für uns, der uns die schönsten Stände zeigen und für uns den Preis verhandeln wollte. Aber gerade das war für uns das spannendste. Am Anfang waren wir noch etwas unsicher, aber nach einer Zeit hatten wir schon unsere besonderen Tricks um einen niedrigen Preis auszuhandeln.

 

Auch hier sahen die Marktleute uns gerne, da wir gute Abnehmer ihrer Ware waren. Doch nicht überall wurden wir, die immer nur „les blances“ genannt wurden, so gerne gesehen. In Dori, einer Stadt weiter im Norden, waren die Menschen skeptischer. Auf ihrer Bank wollten sie uns nicht so viel Geld umtauschen, weil die Weißen ihnen alles klauen würden. Aber nachdem wir eine Stunde in der Bank waren, diskutierten wir nicht länger mit ihnen und gaben uns mit dem Geld was wir umgetauscht bekamen zufrieden. Dann endlich, nach eineinhalb Stunden, konnten wir die Bank wieder verlassen mit Geld von dem wir uns auf ihrem Markt Nahrungsmittel kauften.
Auf anderen Märkten, wie zum Beispiel auf dem Kunstmarkt in Ouagadougou, waren wir wieder sehr beliebt, sogar so sehr, das uns ein Marktbesitzer heiraten wollte und sehr traurig war, dass wir dann doch nur seine Skulpturen mit nach Hause nahmen.
Meistens waren es jedoch die Kinder, die uns schon beim Aussteigen aus dem Auto umzingelten und um Geld baten oder sich freuten, wenn wir sie fotografierten und anlächelten.

 

Oft gaben sich die Einwohner sehr viel Mühe um uns etwas verkaufen zu können. So bauten sie in Bani für uns erst einen improvisierten Markt auf. Bei unserer Ankunft saßen nur einige Kinder und einige ältere Leute an der Wand einer Moschee, die wir besichtigten. Als wir später wieder aus der Moschee heraustraten saßen 10 oder 15 Frauen und Mädchen mit bunten Topfuntersetzern und Rasseln vor uns und warteten, dass wir ihnen was abkauften. Wie aus dem Nichts waren sie alle gekommen und priesen ihre Ware an.

Ein anderes Mal kam ein Kunsthändler mit seiner Ware zu uns ins Hotel, damit wir dort in Ruhe Sachen aussuchen konnten und nicht auf dem vollen Markt mussten. Innerhalb weniger Minuten hatte er eine Decke ausgebreitet, die voller Ketten und Ringe war. Außerdem verkaufte er uns noch Trommeln, aber erst nachdem er uns mit seinen Freunden etwas vorgespielt hatte und auch versuchte uns das Trommeln beizubringen.
Diese vielen verschiedenen Märkte zeigten uns eine ganz andere Welt. Sie symbolisieren die Vielseitigkeit Burkina Fasos. Und zeigten uns auch, wie unterschiedlich die Menschen auf uns reagierten. Die vielen verschiedenen Gerüche, Farben und Gesichter der Menschen, die sehr viel Leid, aber auch Freude zeigten, werden uns immer in Erinnerung bleiben.

 

Unser Aufenthalt in Tamiga
Anja Frerichs 2005


Es ist der 2.Januar 05, der fünfte Tag unserer Reise durch Burkina Faso. Es ist der Tag, an dem wir das erste Mal nach Tamiga fahren, in das Dorf, mit dem unsere Schule seit 12 Jahren eine Partnerschaft pflegt.
Aufgeregt fahren wir mit unserem Jeep in der Mittagszeit los. Die Autofahrt von Ouagadougou nach Kongussi war ja schon recht holprig, wobei auch eine Sitzbank unter unserem Gewicht zusammenbrach und jetzt durch einen Wagenheber erfolgreich oben gehalten wird. Aber die Straßen zwischen den beiden Städten sind nichts gegen den schmalen Weg, der nach Tamiga führt und kaum als ein Weg erkennbar ist.
Nach einer etwa halbstündigen Autofahrt kommen wir in Tamiga an und zwar direkt neben der Schule. Die Mitglieder des Ältestenrats warten schon auf uns und das, obwohl sie weder wussten an welchem Tag, noch um welche Uhrzeit wir kommen würden. Wir werden in einen der drei Klassenräume der von uns finanzierten Schule geführt. Wir bekommen ein Begrüßungsgetränk, welches jeder Gast in Tamiga serviert bekommt. Es besteht aus Wasser aus einem ihrer Brunnen, Zucker und Mehl. Sofort erinnern wir uns an die Worte von Herrn Wester: „Das Wasser in den Kleinstädten und in den Dörfern Burkina Fasos können unsere europäischen Mägen nicht gut vertragen, d.h. ungekocht besser nichts davon trinken!“ Aus Höflichkeit trinken wir zumindest etwas und einige auch alles von diesem nicht unbedingt leckeren Trank. Zum Glück bereitet dieses Getränk später Niemandem Probleme.
Das anschließende Gespräch verläuft so, dass Herr Wester erzählt und Fragen stellt, dies wird dann von Fanny Coutier ins Französische übersetzt. Der Schulleiter der Schule übersetzt das Französische dann für die Bewohner in Moré, die Muttersprache der Dorfbewohner Tamigas. Auf die Frage, ob es ein gutes Jahr für sie gewesen sei, erhalten wir die Antwort: „Nein!“ Das Wasserloch, das zum Wäsche waschen, zum Vieh tränken, zum Getreide wässern und zum Häuser bauen benötigt wird, sei völlig leer. Es gäbe nicht genug Nahrung für alle Bewohner und viele seien krank. Dies ist wohl das Erschütterndste, was wir bis jetzt gehört haben und auch bis zum Schluss unserer Reise hören werden.

Nach dem Gespräch machen wir einen kleinen Rundgang durch das Dorf, auf dem wir von vielen Kindern begleitet werden. Die Kinder haben allesamt Hungerbäuche, einige von ihnen haben entzündete Augen. Sie husten stark, dies liegt zum Teil an der staubhaltigen Luft, die in diesen Tagen sehr schlimm ist. Daher haben wir unsere Kopftücher zweckentfremdet und tragen sie als Staubschutz vor Nase und Mund. Wir sehen, dass das Wasserloch völlig ausgetrocknet ist, obwohl die Trockenzeit erst begonnen hat. An einem der Trinkwasser-Brunnen versuchen wir, die Besucher, auch einmal Wasser zu schöpfen. Das Wasser schöpfen ist Aufgabe der Kinder in Tamiga und es ist sehr anstrengend. Genau wie die Frauen des Dorfes mahlen wir Hirse mit einem Stein. Die Frauen haben viele Kinder, um die ausschließlich sie sich kümmern. Wenn die älteren Geschwister etwa 4 Jahre alt sind, müssen sie die jüngeren betreuen, da die Mutter meistens bereits ein weiteres Kind erwartet. Die Babys werden von den Müttern und Geschwistern mit einem Tuch auf dem Rücken festgebunden. Die Frauen führen auch den Haushalt, waschen Kleidung und bauen Getreide an... Die Männer dagegen haben die „schwierigste“ Aufgabe: Sie tragen die Verantwortung und müssen organisieren!
Von einem Hügel in der Mitte des Dorfes aus sehen wir, wie Tamiga aufgebaut ist: Das Dorf besteht aus drei kleineren Teilen, die „Cartiers“ genannt werden.

Bevor wir wieder nach Kongussi zurückfahren, lassen wir noch ein paar leere Trinkflaschen für die Kinder im Dorf. Sie freuen sich riesig, denn damit können sie Wasser aus den Brunnen mit zur Schule nehmen.
Am nächsten Morgen laden wir in Kongussi unser Gepäck auf das Dach unseres Jeeps. Wir wollen wieder nach Tamiga fahren, diesmal aber mit der Absicht, die Nacht dort zu verbringen. Wir haben uns entschlossen, nur eine Nacht zu bleiben, damit wir den Bewohnern keine zusätzliche Arbeit machen. Dies war eine gute Entscheidung, denn bereits am gestrigen Tag haben wir bemerkt, dass der Staub uns ganz schön zu schaffen macht. Das Atmen fiel uns schwer und abends hatten wir Nasenbluten.
In Tamiga angekommen, bauen wir unsere Zelte in einem der Klassenzimmer auf, zum Schutz vor Mücken und anderen Kleintieren. Es zeigt sich, dass Frauen einfach geschickter im Aufbauen der Zelte sind.
Danach führen wir erneut ein Gespräch mit den Dorfbewohnern. Wir möchten wissen, was sich die Dorfbewohner wünschen und wie es mit den Kindern nach Ende der Schulzeit weitergehen soll. Über unsere Idee und Planung, eine Berufsschule zu bauen, die ihre Kinder nach Abschluss der 6. Klasse besuchen können, sind die Dorfbewohner begeistert.
Darüber hinaus wird Tamiga einen weiteren Brunnen erhalten. Außerdem soll ein Gebäude für die Getreidebank gebaut und die Anzahl der Getreidesäcke zur Lagerung aufgestockt werden.
Wir erhalten Gastgeschenke, die jedem von uns persönlich überreicht werden. Die Frauen erhalten eine Ledertasche und die Männer traditionelle Kleidung.
Die männlichen Bewohner Tamigas müssen nun den Klassenraum verlassen, damit wir fünf Frauen alleine mit den Dorfbewohnerinnen sprechen können. Wir möchten wissen, was sich speziell die Frauen wünschen und erfahren, dass sie gerne mit einer Afrikanerin über Probleme wie Beschneidung und Aids sprechen möchten. Wir haben sehr gehofft, dass die Frauen diesen Wunsch äußern, denn die Beschneidung ist eine grausame Tradition, die keinem Mädchen und keiner Frau zugefügt werden dürfte.
Vor dem Schulgebäude tanzen die Frauen; sie stehen dabei in einem Kreis und jeweils zwei Frauen gehen in die Kreismitte. Der Rhythmus wird durch Klatschen erzeugt. Die beiden Frauen stoßen während des Tanzens ihre Pos aneinander. Einige Frauen haben dabei ihre Kinder auf dem Rücken. Wir Mädchen durften bei dem Tanz mitmachen, durch den Frauen in die Dorfgemeinschaft aufgenommen werden.

Erneut besichtigen wir das Dorf und sehen, wie die Bewohner leben. Die muslimischen Männer haben mehrere Frauen. Diese Männer haben eine eigene Lehmhütte, genau wie jede ihrer Frauen gemeinsam mit ihren Kindern.
Unser Patenkind Abul wird von uns beschenkt. Er ist das Patenkind unseres Projektes, da er geboren wurde, als die Grundsteinlegung zum Schulbau war. Abul schenkt uns im Gegenzug ein Huhn. Noch stand die Frage offen, wer von uns es schlachten soll, denn wir können ja kein lebendes Huhn mitnehmen. Zum Abendessen können wir es allerdings noch nicht essen, denn die Frau des Schulleiters hat uns etwas gekocht. So verschiebt sich die Schlachtfrage erst einmal. Es gibt Reis mit Huhn und Salat. Und schon wieder haben wir ein Problem. Der Salat wird mit dem Wasser aus den Brunnen gewaschen, aber wir haben ihn trotzdem mutig verspeist.
Anschließend unterhalten wir uns mit den zwei Bewohnern, die eine medizinische Ausbildung erhalten haben. Sie möchten, dass das Geburtshaus des Dorfes erneuert wird, allerdings weniger von innen, sondern von außen. Wir sind damit nicht einverstanden, da das Gebäude von innen nicht hygienisch sauber gehalten wird. Und solange sie dies nicht ändern, wird das Gebäude nicht erneuert.
In dieser Nacht in Tamiga haben wir aufgrund einer harten Isomatte und der Kälte wenig geschlafen. Nach dem Frühstück, das wie immer aus Baguette mit Marmelade oder Schmierkäse besteht, sehen wir beim Schulunterricht der 2. Klasse zu. In jedem Klassenraum werden ca.80 Schüler zur gleichen Zeit unterrichtet. Es besuchen mehr Mädchen als Jungen die Schule, was äußerst selten in Burkina Faso ist. Mädchen werden eigentlich nicht zur Schule geschickt, da sie sowieso früh heiraten, dann den Haushalt führen und sich um die Kinder kümmern. Heute haben die Kinder Biologieunterricht, sie melden sich alle und zwar fast die gesamte Stunde. Anschließend bekommen sie Luftballons von uns; weil das Aufpusten ihnen Schwierigkeiten bereitet, pusten wir zahlreiche Luftballons auf. Außerdem schenken wir den Kindern Schreibmaterial, Süßigkeiten und weitere Flaschen.
Nach einem abschließenden Gespräch verlassen wir Tamiga mit gemischten Gefühlen.
Erst viel später bemerken wir, dass wir das Huhn beim Schulleiter vergessen haben, wir sind
nicht gerade traurig darüber.

 

Eindrücke aus Tamiga
Sandra Hinzmann 2005


Als wir in Tamiga ankamen, wollten wir weder Geschenke, noch knicksende Begrüßungen oder Cola. Wir wollen nur sehen, dass dort ein Prozess in Gange ist, der ein Ziel der Gesundheit, Bildung und Aufklärung der dortigen Bevölkerung durchsetzt.
Natürlich möchten uns die Dorfbewohner ihre Dankbarkeit zeigen und uns etwas zurückgeben. Doch jeder weiß, dass dort wo die Not ohnehin schon groß ist, das wenige Geld für andere Dinge besser investiert wäre.
Und ein jeder dort reisender wird solche Zwiespälte erleben müssen und auch jedes Handeln meinerseits führte mich in einen inneren Konflikt. Wenn ich zum Beispiel Männer, Kinder, und Frauen und deren Tiere fotografierte, die von Armut und Krankheit gezeichnet worden sind, dann tat ich das eigentlich um Dinge zu dokumentieren und um diese Bilder dann nach Hause zu transportieren und um sie dort auch an Andere zu vermitteln. Doch in dem Moment, in dem man vor einem Kind steht, das durch einen einfachen Fingerdruck und mit Hilfe unseres Wohlstands nach nur wenigen Sekunden in eine Anordnung von Pixeln auf dem Display einer Digitalkamera zerfällt, fühlt man sich nicht wie ein „toller, weißer Helfer“, wie es vielleicht manche von euch vielleicht glauben mögen.
Und auch die Erweiterung meines Selbstwertgefühls, durch das „Danke“ eines Menschen im Dorf steht nicht auf der Liste von Dingen die ich in Tamiga erfahren wollte.
Jeder der glaubt, eine solche Fahrt beruhigt das Gewissen, denn man tut doch etwas gegen die herrschende Armut, weiß nicht wie es sich anfühlt, wenn man Kinder sieht, deren Bauchnabel vor Hunger nach außen gedreht ist.
Stellt euch vor, vor euch sitzen zwei Menschen - eine Frau und ein Mann - die beide über Hygiene und medizinische Ersthilfe aufgeklärt worden sind. Doch was sie fordern ist nicht eine Vergrößerung des Bestands an Medikamenten oder neue medizinische Schulungen für die Dorfbewohner. Nein, sie halten dagegen eine Sanierung der Fassade der Gesundheitsstation für notwendig. In solchen Momenten beißt man sich auf die Lippe und fragt sich was falsch läuft.

Doch was habe ich erwartet?
Einen Ausbau sozialer europäischer Werte und unserer Kultur inmitten in der Sahelzone Westafrikas?
Wie sollen Menschen die nicht verstehen warum sie krank werden begreifen, das Dreck zwischen Arzneimitteln nichts zu suchen hat?
Man spürt wie in einem die Wut kocht, wenn man feststellen muss, dass die Tochter des Lehrers mehr Freiräume hat, als andere Kinder des Dorfes. Es bring einen zur Verzweiflung Männer zu sehen, die den gesamten Tag nur im Schatten sitzen, während deren Frauen schwerste körperliche Arbeit leisten.
Ich habe an ein Dorf geglaubt, welches Zusammenhalt lebt und auch aus den geringsten zur Verfügung stehenden Mitteln, den größten nutzbaren Erfolg zieht. Denn „Not macht erfinderisch“ gehört wohl auch zu den Dingen, die ich mir in einer solchen Situation vorstellte. Zwar ist es nicht falsch zu glauben, dass sich die Dorfbewohner nicht bemühen ihren Zustand zu verbessern, aber es ist dagegen auch nicht richtig zu denken, dass diese ihre gesamte Kraft in ihr Schicksal legen.
Fährt man zum Beispiel von Ouagadougou weiter in Richtung Kongussi, sieht man dort andere Dörfer, in denen kein verputztes oder Wellblech Haus ein Entwicklungshilfe Projekt vermuten lässt. Man sieht Dörfer, die selbst Sonnendächer gegen die Hitze gebaut haben. Und zwar lediglich ein paar Pfähle in den Boden geschlagen und eine verzweigte Dachkonstruktion mit aufliegendem Stroh zum endgültigen Schutz vor der Sonne. Das ist etwas, das für jedes Dorf zu schaffen ist. Doch der Ältestenrat von Tamiga bittet uns darum für sie ein solches zu bauen, damit die Kinder in den Pausen einen Schattenplatz haben.
Aber sollen wir uns nun zurückziehen, damit es für die Dorfbewohner keine andere Möglichkeit mehr gibt außer der, selbstständig zu Handeln? Oder stagniert der bis jetzt erreichte Fortschritt lediglich und man sollte bereits erreichte Strukturen verändern um einen Fortschritt weiter voran zu treiben?
Aber ganz egal was wir tun werden: Niemand kann die Grundsätze ändern, die dieses Land beherrschen. Und selbst der höchsten Instanz des Landes klebt Blut an den Händen.

Burkina Fasos Präsident Blaise Compaoré lies vor 17 Jahren seinen Vorgänger Thomas Sankara mit Hilfe eines Militärputsches ermorden.
Dessen Politik war, im Gegensatz zur heutigen, ausgerichtet auf den Kampf gegen den Hunger und die herrschende Korruption, die Verbesserung des Bildungswesens und der Gesundheitsversorgung, sowie die Gleichstellung der Frau. Er verbot in Westafrika die Beschneidung von Frauen, was in dieser Region vergeblich nach Nachahmern sucht. Er verurteilte Polygamie und propagierte Verhütung zum Schutz vor AIDS. Dieser Mann versprach Fortschritt und hätte ihn vielleicht wirklich erreicht. Doch diese neunen Ideen passten nicht in das System der immer noch existierenden Seilschaften. Und solange diese Hürden bestehen, wird es auch für Dörfer wie Tamiga schwierig einen massiven Fortschritt ihrer Lebenssituation und ihrer Gesellschaftsprinzipien zu erzielen.

Frauen und Mädchen waren, sind und werden auch weiterhin noch lange das erste Opfer bleiben. Doch wer hier nur die entsetzliche Ungerechtigkeit sieht, vergisst, dass trotz all dem ein Frauenrat aufgebaut wurde. Dass mehr Mädchen wie Jungen in der ersten Klasse sind. Dass sich Frauen über die Jahre ein immer mutigeres Auftreten wagten. Und auch, dass es eine immer größer werdende Zahl von Aufklärungskampagnen gibt.
Die gemeinsame Unternehmung, das schon erwähnte Sonnendach zu bauen, hieße das gesamte Dorf würde zusammen für die eigenen Kinder arbeiten. Diese zwei Dinge liegen in Tamiga, und ganzheitlich gesehen auch in der gesamten Mossi Kultur leider nicht unbedingt dicht aneinander.
So schwer es uns auch fallen mag, das zu verstehen.
Um uns das deutlicher zu machen: Stellt euch vor, ihr haltet einen Schraubenschlüssel in eurer Hand und ihr seht ein kaputtes Gerät, an dem lediglich eine Schraube angezogen werden müsste. Für euch wäre alles Weitere klar.
Doch eben dieses Problem führte die Menschen in Tamiga dazu, die lokale Baugesellschaft einzuberufen um diesen banalen Schaden zu beheben. Erst als ein Dorfbewohner darauf angesprochen wurde, man könne den Schaden eigentlich auch selbst beheben, und dieser keine Antwort wusste, verdeutlichte das den herrschenden Mangel an Selbstständigkeit.
Und eben diese Umstände sind mit einer kurzzeitigen Unterstützung kaum zu ändern. Zukunftsorientierte Hilfe und nicht nur der Blick auf die Gegenwart muss Ziel der „Hilfe zur Selbsthilfe“ sein.
Und auch wenn Schulen keine Mägen füllt, eine Hebamme keine Beschneidung verhindert und eine Getreidebank keine Hungerbäuche verschwinden lässt. Es sind eben diese kleinen Erfolge, die uns darauf hoffen lassen, dass nach einem langen, steinigen Weg endlich eine bessere Zukunft auf unsere Schützlinge wartet.
Eine Zukunft in der auch unsere Hilfe hoffentlich nicht mehr notwenig sein wird.
Wann dieser Weg von der durch Schlaglöcher durchzogenen Landstraße zu einer geteerten wird, ist noch nicht abzusehen. Doch wer soll anfangen diesen Weg zu ebnen, wenn nicht wir? Und „kleine Abgründe werden immer wieder Dinge zu Fall bringen, aber Ideen lassen sich nicht töten" (Thomas Sankara, in einer Rede eine Woche vor seiner Ermordung).

 

Zwischen Stadt und Land liegen Welten
Sina Zimmermann 2005


Roter Sandstaub vernebelte die Luft. Der Asphalt der Straße brennt. Links und rechts sind Verkaufsstände mit Kleidung und CDs. Es stinkt nach warmen Fäkalien und verrottendem Abfall. Sie verfaulen in einer Rinne neben der Straße – abgedeckt durch ein paar Steine. An jeder Ampel stehen etwa zwei bis drei Jungen, nicht älter als 15 Jahre, und verkaufen Handykarten. Wir sind in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Mädchen und Jungen verkaufen Obst oder einfachen Schmuck an wohlhabende Afrikaner oder an uns - „le blanc“ (= die Weißen). Ihre jüngeren Geschwister betteln. Mit alten, kaputten Blechbüchsen gehen sie umher. Ihre Kleidung ist zerrissen, ihre Gesichter verdreckt, ihr Blick gesenkt. Ein leises Gemurmel, ein trauriges Bitten.

Die Lebenserwartung in Burkina Faso beträgt im Durchschnitt 44 Jahre. Das tägliche Einatmen der Abgase verschlechtert ihre Lebensbedingungen enorm, doch eine andere Möglichkeit zum Überleben haben sie nicht. Armut prägt das Bild. Wir würden den Kindern gerne helfen, aber es wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie würden lächeln, es würde ihnen für den Moment gut gehen. Dennoch, würde es bei diesem einen Moment auch bleiben. Wie viel die Kinder selber von dem Geld haben und wie viel sie davon ihrer Familie geben, wissen wir auch nicht.
Es bleibt der traurige Blick der Sechsjährigen, ihre zarten flehenden Stimmen, das herzerweichende Fordern. Die Kinder werden auch morgen wieder an dieser Stelle stehen, die gleiche verrostete Büchse in ihren kleinen Händen, der gleiche unglückliche Blick in ihren dunklen Augen.

Es geht weiter mit dem Jeep in Richtung Norden zu den drei Dörfern Kongoussi, Tamiga und Dori. Die offenherzige Begrüßung der Kinder und die freundliche, aber schüchterne Zurückhaltung der Erwachsenen zeigen sich vor allem in Kongoussi und Tamiga. Mädchen und Jungen stehen am Wegrand, ihre Kleidung ist rot von dem Sandstaub, ihre T-Shirts sind ausgebeult durch Hungerbäuche, ihre Gesichter sind mit Dreck beschmiert. Sie stehen und sitzen auf einem Müllberg, schauen uns an. In ihren Gesichtern ist keine Spur von Traurigkeit zu sehen. Sie lächeln uns an, winken und laufen dem Jeep mit „den Weißen“ hinterher. Der enorme Unterschied zwischen der Mentalität in der Stadt und der auf dem Land wird deutlich.
Kinder wühlen im Müll, neben ihnen Schweine und Ziegen bei der gleichen Tätigkeit. Die Häuser aus Lehm, nicht wesentlich größer als ein 3-Personen-Igluzelt, das Dach aus geflochtenem Stroh. Sie halten in der Regel nicht länger als zehn Jahre, dennoch ist der Zerfall bereits jetzt deutlich. Nur wenige Dorfbewohner können sich eine „Toilette“ leisten, ein noch geringerer Anteil hat fließendes Wasser. Die äußeren Lebensbedingungen scheinen hier schlimmer zu sein, als in der Stadt. In dem Dorf Tamiga gibt es bloß drei Brunnen für mehr als 1.000 Einwohner, die einzige Quelle von sauberem Wasser. Die Hungerbäuche der Landkinder sind ausgeprägter, viele haben nur eine kure Hose an, versuchen ihre nach außen gestülpten Nabel zu verdecken. In ihren Gesichtern klebt der trockene Sand, Waschen ist nutzlos.

Auf dem Land gibt es nicht viele Möglichkeiten Geld zu verdienen. Es sind zu wenige Menschen dort, denen sie etwas verkaufen könnten, noch weniger von denen sie Geld erbetteln könnten. Hier ist der Unterschied zwischen arm und reich nicht so deutlich erkennbar wie in den Städten, wo neben dem Geschäftsmann in Anzug und Krawatte ein anderer Mann mit verstümmeltem Körper am Boden liegt. Hier sind sie fast alle arm, man versteht die Probleme der anderen.

Mit scheuen Blicken, weit aufgerissenen dunklen Augen beobachten die Mädchen und Jungen jeden Schritt, jede Bewegung von uns, den Fremden. Wir schenken ihnen leere Wasserflaschen, die sie für die Schule gut gebrauchen können. Sie lachen und winken; beginnen zu singen und tanzen, sobald sie unseren Fotoapparat erblicken. Die Kinder haben einen Stock und einen alten Fahrradreifen bei sich, mit dem sie im Sand spielen. Für die Kleinen mit den europäischen Pokémon- und 50Cent-T-Shirts war es das Größte, uns die Hand zu geben oder für Fotos posieren zu dürfen.
Es geht den Bewohnern Tamigas im Moment nicht gut, die Ernte fiel schlecht aus. Es ist nicht sicher, ob die Brunnen in der Trockenzeit weit genug in das Grundwasser hineinreichen werden.
Sie haben viel gelacht und hatten unbeschreiblich viel Spaß mit den von uns mitgebrachten Luftballons, Cappies, Kugelschreibern, Ansteckern und weiteren kleinen Geschenken. Für ihre Eltern war es viel mehr eine Lebensmotivation. In Gesprächen wurde festgelegt, wie wir im Weiteren mit dem Schulbau vorgehen werden, welche Bedeutung die Gesundheit und die Bildung im Dorf hat und wo Verbesserungen wichtig sind.

Auf dem Land haben die Menschen noch Hoffnung und Energie die schlechten Zeiten zu überwinden. Die Möglichkeit zur Schule zu gehen gibt den Erwachsenen ein größeres Vertrauen in die Zukunft ihrer Kinder.
Diese Zuversicht in den Gesichtern der Menschen ist es, die uns dazu bringt mit aller Kraft weiter zu machen. Für sie gibt es noch Chancen durch Bildung in ihrem Leben etwas zu erreichen, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Reiseberichte 2002

 

Menschen und ihre Mentalität
von Anja Luther 2002


Fulbe – Frauen (Gorom-Gorom)
Die Fulbe, wie auch die Tuareg, waren einst Nomadenstämme, die heute aber mehr und mehr sesshaft werden. Die Frauen der Fulbe sind mir besonders aufgefallen, weil sie ein sehr auffälliges Äußeres haben. Ihre Kleidung besteht aus Baumwollkleidern, die eine schlanke Taille hervorheben, und langen Baumwolltüchern, die sie über dem Kopf nach hinten wegfallend tragen und eines, wie einen Wickelrock, um die Hüfte schwingen. Die Stoffe sind bunt und vielfältig bedruckt, man nennt diese auch „pagné“. Unter den Kopftüchern tragen sie in Zöpfe geflochtene Silbermünzen und viele Ketten mit silbernen Anhängern. Sie tätowieren sich häufig die Unterlippe dunkel. Die Fulbe halten sich für heller als der Rest der afrikanischen Völker. Um diesen Unterschied besonders zu betonen, tätowieren sie sich. Sie haben außerdem auch eine andere Gesichtsform. Ihr Gesicht ist schmaler und wirkt dadurch länger. Auf dem Markt erscheinen mir diese Frauen sehr viel stolzer, ehrwürdiger oder auch erhabener, reservierter anderen Frauen gegenüber als die Frauen in der Stadt oder die Mossi-Frauen.

Mossi-Frauen (Tamiga)
In Tamiga waren die scheinbar jüngeren Frauen eher altmodisch europäisch gekleidet. Einige trugen nur Tücher um die Hüften, so dass ihr Oberkörper unbekleidet war. Beim ersten Besuch im Dorf fiel mir gleich auf, dass die Frauen zwar freundlich, aber dennoch eine distanzierte Haltung bewahrten. Eine ältere Frau zeigte uns mit Freude und einem Lächeln, wie man mit einem Stein aus Körnern Mehl herstellt. Andere hingegen guckten uns eher musternd an, irgendwie skeptisch reserviert und dennoch neugierig. Selbst bei der Frau des Lehrers fiel mir auf, dass sie eine eher untergeordnete Rolle spielt, dass es die Frauen im Dorf aber auch gar nicht zu stören scheint, sich in diese Rolle hinein zu begeben. Wir fragten, ob sie nicht mit uns allen essen wolle. Obwohl sie das Essen gekocht und liebevoll auf den Tisch gestellt hatte, verneinte sie mit einem Kichern, so dass man vermuten konnte, diese Frage sei urkomisch und total absurd.

Frauen in der Stadt (Ouagadougou)
In der Stadt scheint es eine Art unsichtbare Grenze zwischen Frau und Mann zu geben. Frauen sieht man meist nur zu zweit und nie mit Männern. Man sieht auch keine Pärchen händchenhaltend oder küssend herumlaufen. Nur ein Pärchen habe ich bemerkt, und das war in der Bank, wo man eigentlich kaum sah, dass man in Ouaga und nicht in einer westlichen Bank war. Frauen liefen dort in Kostümen herum, die Männer trugen Anzug und Krawatte. Nur zwei Dinge erinnerten mich daran, dass ich in in einer Bank in Ouga war. Erstens die Haartrachten der Frauen und zweitens die Hautfarbe. Die Haartrachten spielen hier eine große Rolle. Man sieht die verschiedensten und aufwendigsten Frisuren: mit Kunsthaar, am Kopf entlang geflochten, mit Draht zusammengebunden usw. ...
Es ist Aufgabe der Frau, auf den Markt zu gehen und zu kaufen und zu verkaufen. Oft sieht man sie entweder schwanger, mit Kind oder beides.
Aber nicht nur bei uns, sonder auch in Burkina Faso gibt es Prostitution. Frauen, z.B. aus Ghana, versuchen so, hier für ihre Familie, die in Ghana zurück bleibt, Geld zu verdienen, mit welchen Mitteln auch immer. Meist wissen ihre Familie und ihr Dorf nichts davon. Alles in allem aber strahlen die meisten Frauen eine starke und unbeschreibliche Güte aus.

Kinder und Jugend auf dem Land
Die Kinder werden in den ersten Jahren auf den Rücken gebunden. Oft schlafen sie und man befürchtet, sie könnten gleich aus dem Tuch fallen.
Ältere Kinder sieht man oft im Sand sitzen, mit „einfachen“ Werkzeugen hantieren oder Spielzeugautos aus Draht formen. Als wir durch Kongoussi spazierten, ist es nicht selten vorgekommen, dass wir mit wilden „cava“- Rufen begrüßt wurden und darauf hin jedem Kind die Hand geben mussten. Je älter jedoch die Kinder wurden, desto mehr flaute die Begeisterung über unser Erscheinen ab. Es war sogar so, dass man uns mit bösen Blicken empfing, vor allem die Frauen.
Auf unseren Autofahrten sahen wir meist Viehherden mit Jungen als ihre Hüter.
Aber nicht nur solche idyllische Bilder, sondern auch Bilder von dicken Hungerbäuchen und nach außen gewölbten Bauchnabeln werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Wenn ich an die Mädchen und Jungen in Tamiga denke, denke ich an die Mädchen, die Getreide im Holzkübel stampfen mussten. Oder auch an die Jungs, die ganz selbstverständlich ein Huhn fingen und rupften. Bei uns wäre es undenkbar, dass ein Achtjähriger ein Huhn tötet, ausnimmt und anschließend rupft.

Kinder und Jugend in Ouagadougou
Typisch für die Stadt ist, dass die Jungen alles, was sich irgendwie verkaufen lässt, unter die Leute bringen. Man fragt sich, wer wohl Taschentuchpackungen einzeln kauft. Aber im Gegensatz zu den um dich herum wuselnden Jungs, sind die Mädchen kaum zu sehen. Kinder werden aber auch dazu benutzt, um durch Betteln ein bisschen Geld herbei zu schaffen. Manche Jungs haben alte Blechdosen um den Hals. Sie laufen neben mir her, flüstern mir auf französisch etwas ins Ohr und ihr herzerweichender Blick lässt mein Herz fast schreien. Aber gibt man einem Geld, muss man allen etwas geben, d.h. man kann keinem etwas geben.
Es gibt aber auch Kinder, denen man gerne etwas in die Hand drückt, weil man genau weiß, dass sie darauf angewiesen sind. Z.B. sahen wir auf dem Markt ein kleines Mädchen, dass an einem Stock einen Blinden führte und um Geld bat. Aber es gibt auch sehr aufdringliche Menschen, Jungs vor allem, die uns durch die ganze Stadt bis ins Hotel verfolgen.

Die Tuareg-Männer (Gorom-Gorom)
Als wir auf dem Viehmarkt in Gorom-Gorom waren, haben wir auch viele Tuaregs gesehen, die mit Ziegen handelten. Mit bunten Gewändern und hohen Turbanen liefen sie stolz und erhaben über den Markt. Wunderschöne Menschen konnte man hier entdecken. Die Tuareg haben im Gegensatz zu den Mossis schmale lange Gesichter. Ihre sonnengegerbten Münder sieht man selten lachen und auch sonst strahlen sie eine gewisse Strenge und Weisheit aus. Ihre Säbel, die sie an ihrem Gürtel befestigt haben, wirken ziemlich bedrohlich und Respekt einflößend.

Männer auf dem Land (Tamiga)
In Tamiga gab es alte Männer, wie den blinden Geschichtenerzähler, der uns ein Lied widmete. Oder den Dorfältesten, der uns im Alter von 102 Jahren mit seinem Humor doch sehr beeindruckte. Wir haben ihm ein langes Leben gewünscht und er antwortete uns, er wisse wohl, dass der Tod nicht mehr weit wäre.
Der Lehrer genoss in seinem Haus ungeahnten Komfort: Er hatte sich eine Solaranlage auf seinem Dach installieren lassen, so dass er abends seine Lampe anschalten konnte. Als er dann noch seinen Schwarzweiß-Fernsehgerät vorstellte, waren wir total überrascht. Am Abend kamen alle Nachbarn und viele Bewohner Tamigas, um in die Röhre zu schauen. Ein Stadtmensch auf dem Land, welcher Kontrast! Auch andere Beobachtungen machten mich wütend und traurig zugleich: Junge Männer trugen T-Shirts mit einem Bin Laden-Konterfei oder das Firmenemblem von Siemens war aufgedruckt.

Männer in der Stadt (Ouagadougou)
Wenn ich an die Stadt denke, denke ich zuerst an unseren Busfahrer und all die Anderen. Denn wenn man etwas fragt, kommt garantiert die Antwort : „ Pas de problème !“ Auch wenn man ganz genau weiß, dass es unmöglich ist. Die Männer in der Stadt sind ziemlich anstrengend. Nicht nur, dass sie „baggern“ und „dich voll quatschen“, sondern die machen dir doch tatsächlich auch Heiratsanträge. Aber im Allgemeinen sind sie sehr, sehr nett und freundlich. Es gibt also, wie überall, solche und solche. Den zentralen Markt haben wir lieber gemieden und später stellte sich heraus, dass das auch nicht die schlechteste Idee gewesen ist. Denn als ein Taxifahrer nicht weiter fahren wollte, sind die Menschen auf ihn losgegangen wie hungrige Löwen auf eine Gazelle.
Man sieht in der Stadt hauptsächlich ganz junge oder ganz alte Menschen. Dabei muss ich aber zugeben, dass das Alter der afrikanischen Bevölkerung sehr schlecht zu schätzen ist. Deshalb kann es gut sein, dass dieser letzte Eindruck täuscht.

 

Als Weißer in Afrika
von Uta Baroke 2002


"Da sind wir nun", mitten in der Hauptstadt Burkina Fasos, dem Land der sauberen Hände, Ouagadougou. Es war dunkel, aber warm. Die europäische Kälte, der Flug und die zahlreichen Impfungen saßen uns noch in den Knochen, doch die Freude, endlich am Ziel zu sein, machten die bisherigen Belastungen schlagartig zunichte.
Während wir im Flughafen auf unser Gepäck warteten, prasselte heftiger Regen vom Himmel auf die staubige, ausgedörrte Erde herab, doch schon spätestens nach einer halben Stunde war dieses Spektakel wieder vorbei und von dem vielen Wasser nur noch wenig zu sehen.
Am nächsten Morgen hieß es dann: "Mischen wir uns unters Volk und erkunden in Ruhe die Stadt.". Doch leider wurde da nicht viel draus, sich unauffällig unters Volk zu mischen, war unmöglich. Egal, wo man war, man fiel auf. Unsere Erkundungstour durch die Stadt machten wir natürlich nicht alleine, stets wurden wir von Händlern und unzähligen Augenpaaren begleitet, in unserem Umfeld schien sich vieles um uns zu drehen. Wir standen außerhalb des Geschehens, waren aber gleichzeitig der Mittelpunkt.
Doch noch interessanter und schöner wurde es, als wir die Stadt Richtung Kongoussi verließen. Mit Ouagadougou ließen wir das städtische Leben, den Trubel und den kleinen Rest von westlichem Komfort hinter uns und mussten uns von nun an daran gewöhnen, dass wir nicht jeden morgen warmes oder überhaupt fließendes Wasser hatten. Doch an diese Umstände gewöhnten wir uns erstaunlich schnell. Viele Dinge, auf die man zu Hause viel Wert legte, ergaben in Burkina einfach keinen Sinn mehr: Fön, Haarspray - völlig überflüssig, Deo dagegen: unverzichtbar!

Die Menschen auf dem Land waren freundlicher und neugieriger als in der Stadt. Aus einer sicheren Entfernung beobachteten viele, was wir, die Weißen, machten. Wie wir uns bewegten, miteinander sprachen und lachten. Wir waren jetzt nicht mehr nur die Kunden, die einen Marktbesuch machten, wir waren jetzt eher Gäste oder Eindringlinge. Denn durchquerten wir ein Dorf, hielt das Leben für einen kurzen Moment inne und nahm erst mit unserem Verschwinden wieder seinen normalen Lauf. Die Integration in das Landleben gelang uns nicht, wobei die unterschiedliche Hautfarbe sicherlich entscheidend war.
Ein besonders schöner und zugleich aufregender Teil der Reise war für mich der Aufenthalt in Tamiga; zu sehen, wie die Menschen dort leben und miteinander umgehen, zu sehen, dass noch eine Gemeinschaft besteht, zu sehen, wie Menschen einander helfen, das war einmalig. Es war schön von unserer gewohnten Lebensart so weit weg zu sein, Probleme, die man zuhause für unüberwindbar hielt, wurden schlagartig zur Nichtigkeit. Ein prägender Moment war es für mich, die Schule zum ersten Mal zu betreten, zu sehen, was man aufgebaut hat und wie viel es den Menschen tatsächlich bedeutet. Man kann mit Gewissheit sagen, dass jeder Dorfbewohner freundlich zu uns war. Die Kommunikation zwischen der Dorfgemeinschaft und uns war kompliziert, aber oft sprach schon ein freundlicher Händedruck für sich. So ließen wir Tamiga mit guten Erinnerungen hinter uns und schlugen den Weg über Kongoussi nach Dori ein. Von Dori aus machten wir eine Tagestour nach Gorom-Gorom zu einem riesigen Markt und nach Oursi zu einer gewaltigen Sanddüne. Das Angebot auf dem Markt war überwältigend. Es gab alles zu kaufen, von kleinen Bohnenbällchen bis hin zu Kamelen. Die Händler auf dem Markt waren weder aufdringlich, noch abweisend, so dass es ein Vergnügen war, den Markt in seiner Vielseitigkeit zu erleben. Der Geruch änderte sich an fast jeder Ecke, mal roch es nach gegrilltem Fleisch, mal nach verbranntem Holz oder Gewürzen.

In Oursi angekommen, strömten uns sofort Kinder aus einem kleinen Dorf entgegen mit den Worten: "He, le blanc, donne-moi un cadeau! Un cadeau!". Die Kinder des Dorfes waren es gewöhnt, Besuch von weißen Touristen zu bekommen und verhielten sich dementsprechend fordernd, was die Stimmung unter uns Reisenden sehr drückte. Plötzlich war man nicht mehr der erwartete Gast und Helfer wie in Tamiga, sondern ein reicher, weißer Tourist.
Erst mit der Zeit sah man, wie facettenreich dieses Land ist, die Landschaft, besonders die Menschen, alles steht in einem harmonischen Einklang zueinander. Respekt und Hilfsbereitschaft, Grundvoraussetzungen für ein Zusammenleben sind in unserer "modernen" Welt langsam verloren gegangen. Ich hatte auf meiner Reise das Gefühl, dass speziell in Tamiga diese Grundvoraussetzungen für das Zusammenleben oberste Priorität haben, dass es unter den vorhandenen harten Lebensbedingungen nur möglich ist, miteinander und nicht gegeneinander die Zukunft zu sichern.

 

Die Schule in Tamiga
von Yasmin Gruska 2002


63 tiefdunkle Augenpaare blicken neugierig Richtung Eingang, dünne, kleine Körper erheben sich von den einfachen Holzbänken, und einstimmig wird ein französisches Lied angestimmt. Die Schüler der dritten und vierten Klasse der Dorfschule Tamiga begrüßen uns. Auch wir sind neugierig und schauen uns um. Das sind also die Menschen, denen wir durch unsere Projektarbeit helfen wollen. Und so sieht also die Schule aus, die auch mit unserer Unterstützung gebaut wurde.

Ein großer, rechteckiger Kasten aus Beton, mit kleinen Fenstern und zwei großen, blauen Metalltüren. Die ganze Schule besteht nur aus zwei Räumen, die durch einen kleinen Raum, der als Büro fungiert, getrennt sind. Aber in diesen zwei Räumen können 116 Kinder unterrichtet werden. Jeweils die Kinder der ersten und zweiten Klassenstufe und die der dritten und vierten werden zusammen in einem der zwei Räume unterrichtet. Die Räume sind nur mit dem Nötigsten eingerichtet. Aber das ist hier in Afrika schon viel. Die Kinder müssen nur zu zweit und nicht gar zu dritt auf den schmalen Holzbänken sitzen und der Lehrer hat sein eigenes Pult. Da so viele Schüler zusammen sitzen (im Raum der ersten und zweiten Klasse 53 und im anderem Raum 63 Schüler), läuft der Unterricht meistens nach dem gleichen Muster ab. Der Lehrer sagt oder schreibt etwas vor und die Kinder machen es nach. Übrigens wird im Unterricht französisch gesprochen ( Französisch ist noch auf Grund der Kolonialzeit die Amtssprache Burkina Fasos), aber die Kinder sprechen eigentlich bevor sie zur Schule kommen nur die Stammessprache Moré. Zum Glück beherrschen die beiden Lehrer in Tamiga aber Moré, sowie die französische Sprache. Diese Lehrer wohnen auch direkt vor dem Dorf, ihre Häuser, mit festen Wänden und Dächern, sind im Vergleich zu den Lehmhütten der Dorfbevölkerung luxuriös und wurden auch vom Förderverein finanziert. Ebenso wie die zwei Aborte, die überdacht sind und eine Tür haben und extra für die Schule gebaut wurden.

Das alles so zu sehen, macht uns schon ein wenig stolz, schließlich haben wir alle schon viel Zeit für dieses Projekt investiert, aber am schönsten ist es zu sehen, wie begeistert die Kinder sind. Nach dem Begrüßungslied für uns verteilen wir Bonbons und Luftballons. Viele der Kleinen, die in den ersten beiden Jahrgängen zwischen sieben und neun Jahren und in den beiden anderen Jahrgängen zwischen neun und elf Jahren alt sind, haben solche Dinge noch nie gesehen und bekommen noch nicht einmal das Bonbonpapier alleine geöffnet, geschweige denn die Luftballons aufgepustet. Nach anfänglicher Scheu werden die Kinder immer ausgelassener und der Lehrer muss sie schon bremsen, damit sie sich nicht gegenseitig die Mitbringsel abnehmen. Vor allem die Mädchen können recht rabiat werden und wissen sich gut durchzusetzen gegen die Überzahl der Jungs. Obwohl der Anteil der Mädchen in Tamiga erfreulich hoch ist und über dem Durchschnitt Burkina Fasos liegt, sind sie in der Schule immer noch in der Unterzahl. So besuchen die erste und zweite Klasse 24 Mädchen und die dritte und vierte Klasse 15. In den älteren Jahrgängen gibt es weniger Mädchen, da viele Familien ihre Töchter für die Arbeit zu Hause benötigen, mit der die Jungen nichts zu tun haben.
Aber auch hier vollzieht sich langsam ein Wandel: Viele Familien wollen auch ihren Töchtern eine Schulausbildung ermöglichen, soweit das finanziell überhaupt möglich ist, denn der Schulbesuch in Tamiga kostet Geld, 2000 CFA im Jahr, was zwar umgerechnet nur 3 € sind, aber für die meisten Familien im Dorf ist das sehr viel. Zum Glück werden die Kinder auch dann unterrichtet, wenn ihre Eltern das Geld nicht oder erst später zahlen können.

Zum Abschluss unseres Besuches werden den beiden Lehrern noch Lernspiele, Schreibmaterialien und Springseile für den Sportunterricht übergeben, die sie, nicht ohne eine genaue Erläuterung, wie die Spiel zu handhaben sind , freudig entgegen nehmen. So endet unser Besuch in „unserer Schule“ mit dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, aber auch mit dem Gedanken, noch mehr tun zu wollen. Vielleicht gelingt es ja, den Bau des dritten Klassenraumes im nächsten Jahr fertig zu stellen ...

 

Stadt – Land
von Rieke Jacobs


Obgleich unsere Reise im eigentlichen Sinne dem Projekt in Tamiga gewidmet war, verbrachten wir dort nur knapp drei Tage und hatten somit auch die Möglichkeit, die Schönheiten und andere Auffälligkeiten, im negativen wie im positiven Sinne, einzelner Regionen Burkina Fasos zu entdecken.

Die Regenzeit war ein Grund, der die Fahrt zu einem Fest für die Augen werden ließ, denn diese hat das sonst so trockene Land in eine grüne Oase umgewandelt.
Die Stationen unserer Tour waren: die Hauptstadt Ouagadougou, die Kleinstadt Kongoussi , das Dorf Tamiga, die Kleinstadt und „das Tor zur Wüste“ Dori und schließlich wieder Ouagadougou.
Die Strecken zwischen den einzelnen Orten legten wir tagsüber im Kleinbus zurück und somit konnten wir nicht nur den Wandel vom Stadt- zum Landbild, sondern auch die infrastrukturelle Veränderung der Landschaft mitverfolgen.
Schon in Ouagadougou, wo alles begann, prasselten die neuen Eindrücke auf uns herab und es dauerte seine Zeit, bis man das Gröbste verarbeitet hatte und sich in dieser Großstadt, die für Ammerländer Schüler wie eine andere Welt erscheint, zurechtfand.

Das Leben spielte sich auf den Straßen ab und somit waren diese auch mehr als voll. Tausende Mofas und Mopeds, Fahrräder, veraltete grüne Taxen, Eselskarren und Mercedes-Limousinen quetschten sich nebeneinander durch sämtliche Wege und hüllten alles in eine Wolke aus Abgasen. Im Zentrum dominierte der Verkauf und so waren es Blechhütten, einfache, zusammengezimmerte Verkaufsstände, am Boden hockende Marktfrauen, Schuhputzer oder diverse andere kleine Verkäufer, die das Bild des Stadtinnenlebens prägten. Wir hatten anfänglich den Eindruck, die Straßenhändler hätten es nur auf uns, die weißen Exoten, abgesehen. Die Behausungen der Menschen lagen weiter außerhalb, die Villen der wenigen Reichen waren versteckt und vor den Hotelanlagen postierten Wachen.
Alles in allem ein heilloses und lautes Gewirr, in dem sich ein Fremder erst nach längerer Zeit zurechtfindet, aber in das er auch nie wirklich ganz hineinfinden wird.
Man kann nicht behaupten, dass der Großteil der Reisegruppe sehr traurig war, als wir nach Kongoussi aufbrachen. Die Betonstraße wurde zur roten Sandpiste und dieser folgend fuhren wir an Flächen von hohem Gras, Büschen, Bäumen und Maisfeldern in schwüler Hitze entlang, mussten durch überflutete Straßen geschoben werden, bis schließlich auch Bergketten zu sehen waren. Und alles strahlte in den intensivsten Farben.
Aufgrund einer langwierigen Autopanne kamen wir erst kurz vor der Abenddämmerung am Zielort an. Es war kein Großstadtflair zu erkennen und wir waren überrascht, dort noch ein Hotel zu finden.
Durch Kongoussi führte eine Hauptstraße, an der sich wieder das Marktleben säumte und von der die Wohnviertel abgingen. Die Häuser, die dicht an dicht lagen, waren fast durchgängig aus sandfarbenem Lehm erbaut und in den Gassen liefen überall Ziegen, Rinder und Schweine herum. Alles strahlte eine gewisse Ruhe aus und diese wurde vor allem am Abend deutlich, wenn in der Dunkelheit überall Petroleumlampen die Hauseingänge erhellten. Wir hatten dort einen mehr als angenehmen Aufenthalt. Gingen wir durch die Straßen, kamen uns freudig schreiende Kinder entgegen, denen man bei jeder Begegnung unausweichlich die Hand geben sollte, und überall duftete es nach gegrillten Fleischspießen und Brot.
Die Fahrt ging nach einigen Tagen weiter nach Tamiga. Mit dem Verlassen von Kongoussi kamen wir beinahe sofort in eine noch abgelegenere Gegend Burkinas. Eigentlich nur noch Busch und unwegsame Straßen, die man irgendwann auch nur noch mit der Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h befahren konnte. Der Weg wäre in der Trockenzeit schon schwer passierbar gewesen, aber der Regen hatte die Vegetation wild wuchern lassen.
Das Dorf hat uns alle zutiefst bewegt. Wir hatten zwar vorher Fotos gesehen, aber unsere Vorstellungen waren sehr diffus. Man hat den Eindruck, in einer anderen Welt zu sein, weit weg von der modernen westlichen Lebensart. Es war für mich ein einmaliges Erlebnis, das einfache Leben der Menschen, die trotz der ärmlichen Verhältnissen so viel Zufriedenheit ausstrahlen, für kurze Zeit zu teilen.
Das Dorf gruppiert sich in drei Siedlungen um einen Hügel herum. Die Menschen leben auf engstem Raum zusammen, wobei jeder „Familienhof“ mit einer Art Mauer von den Höfen der anderen abgegrenzt ist. Die Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft und demnach ist das Dorf von Feldern umringt. Außerdem sieht man in der Ferne grüne, aber dennoch felsige Bergketten. Ein unbeschreiblicher Aufenthalt!
Die nächste unbekannte Station stellte Dori dar. Auf der Hinfahrt wurden wir Zeugen eines ganz erheblichen Landschaftswandels. Wir befanden uns nun im Sahel. Der Bewuchs war keineswegs mehr so üppig und grün; jetzt waren es eher ausgedorrte Ebenen (je weiter wir in den Norden fuhren), die einen immer weiteren Blick ins Land hinein gewährten, und anstelle der vielen kleinwüchsigen Bäumen und Büsche unserer bekannten Umgebung traten nun die riesenhaften und majestätischen Bäume, wie die Baobabs (Affenbrotbäume), in Erscheinung. Nach einer Sage sollen die Baobabs wie folgt entstanden sein:

Als Gott die Welt erschuf, formte er Mensch, Tier und Pflanzen. Alles wuchs und gedieh und lebte in Frieden. Nur ein Baum, Baobab genannt, der wurde größer und größer und blickte ganz stolz auf die anderen herab. Das erzürnte Gott. Und so packte er ihn an der Krone, riss ihn aus der Erde und pflanzte ihn, die Wurzeln gen Himmel, in den Boden. Seitdem ragen seine Äste bizarr in alle Richtungen des Himmels und tragen nur drei Monate im Jahr (Regenzeit) Laub und Früchte.

Beim seinem Anblick kann man die mystische Funktion, die man ihm zuschreibt, vollkommen nachvollziehen. So gehört er auch zu jedem Dorf, dient als Versammlungs- und Beratungsplatz der Alten und wird vor allem aufgrund der Tatsache, dass in ihm die Ahnen leben sollen, geehrt. Man erhofft sich die weisen Ratschläge der Vorfahren durch die Kraft des Baumes. In einigen Küstenländern Afrikas dürfen sie auch nicht fotografiert werden, da das die Stammesväter erzürnt. Sie haben einen Umfang von bis zu 14 m, wachsen allerdings sehr langsam, können aber trotzdem ihre enorme Größe erreichen, da sie über 100 Jahre alt werden. Dass sie in der Trockenzeit überhaupt überleben, liegt daran, dass sie innerlich aus einer schwammartigen Masse bestehen, die sich bei Gelegenheit voll Wasser saugt, und davon zehrt der Baum in den langen Trockenperioden.
In Dori selbst, dem Tor zur Wüste, war es trotz der Regenzeit heißer als in den vorherigen Orten und auch sehr viel sandiger. In der Region von Dori ist Viehzucht und Viehhandel dominant, da sich hier in der Sahelzone hauptsächlich die Nomaden, die darauf spezialisiert sind, aufhalten.
Bei einem Tagesausflug nach Gorom-Gorom, wo uns ein großer Markt lockte, und nach Oursi, wo wir die hohe Wüstendüne sehen wollten, fuhren wir sogar noch weiter gen Norden. Nun tauchten vereinzelt in der weitläufigen Gegend, geprägt von Geröll, Gräsern, vereinzelten Bäumen und ausgetrockneten, sowie überfluteten Flussbetten, Nomadendörfer der Tuareg und Fulbe auf. Und je näher wir der Marktstadt Gorom-Gorom kamen, desto größere Karawanen von Tuaregs auf ihren Kamelen zogen an uns vorbei. In der Stadt selbst erwartete uns ein bunter und facettenreicher Markt, auf dem ein reges Treiben herrschte.

Oursi überraschte wieder einmal mit einem enormen Kontrast des Landschaftsgefüges. Kurz vor dem Zielort, der Sanddüne, erblickten wir eine endlos scheinende Wasserfläche, die neben Stellen mit Seerosen auch grüne Weideflächen bot. Dann allerdings fuhren wir ein Stück weiter in das hügelige Land hinein und schlagartig war alles Grüne verschwunden und vor uns erschien die riesige Düne, ein ergreifender Wechsel.
Gegen Ende unserer Reise wurde von Dori aus schließlich der direkte Weg zurück nach Ouagadougou genommen, und somit waren wir aus den tiefsten Tiefen und einsamsten Plätzen Burkina – Fasos kommend wieder in der brodelnden Hauptstadt angelangt, wo wir die letzten drei Tage Afrika genossen.

 

Das Leben in Tamiga
von Claudia Frerichs 2002


Tamiga ist ein Dorf in Burkina Faso (Westafrika). Es liegt zwischen Kaya und Kongoussi. Das Dorf Tamiga gliedert sich in drei kleinere Teile, den sogenannten Cartiers.
Die Einwohner Tamigas gehören dem Stamm der Mossi, dem größten Burkina Fasos, an. Ihre Muttersprache ist Moré und nur sehr wenige sprechen französisch. Sie leben in einfachen runden Lehmhütten, die mit Strohdächern gedeckt sind. Stets bevölkern mehrere Personen diese einfachen Behausungen.
Hauptnahrungsmittel sind Mais und Hirse, den sie anbauen und auf Steinplatten oder in Stampfern zu Mehl verarbeiten. Hühner und Ziegen, die mit den Bewohnern unter einem Dach leben, ergänzen das karge Nahrungsangebot.
Das Projekt „Eine Schule für Tamiga“ hat sich nicht nur auf den Schulneubau beschränkt, sondern auch den Bau eines zusätzlichen Trinkwasserbrunnens ermöglicht, so dass drei Brunnen das Dorf mit sauberem Wasser versorgen können. Leider ist einer dieser Brunnen zur Zeit defekt. Das außerdem vorhandene Wasserloch, welches verdrecktes Wasser enthält, wird von den Bewohnern hauptsächlich zum Waschen der Wäsche und für die Körperpflege genutzt. Wurmerkrankungen, die durch unreines Wasser verursacht werden, machen der Bevölkerung zu schaffen.
Auch das enge Zusammenleben von Mensch und Tier bedingt hygienische Probleme. Eine regelmäßige medizinische Versorgung der Bevölkerung ist nicht vorhanden.
Die Dorfbewohner sind einfach, ja ärmlich gekleidet. Viele Männer und Kinder tragen Kleidung, die aus Hilfssendungen stammt. Da zu wenig Kleidung zur Verfügung steht, ist sie auch häufig zerrissen und schmutzig. Die Jugendlichen, die als Gastarbeiter in Ghana Geld verdienen konnten, tragen westliche Kleidung. Die Frauen binden sich bunte Tücher um den Körper und den Kopf. Als Schuhwerk dienen, sofern vorhanden, Sandalen.
Das tägliche Leben in Tamiga ist sehr einfach, überhaupt nicht vergleichbar mit westlichen Standards. Die reale Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten vor Ort kann zur Neuorientierung persönlicher Ansichten über Entwicklungshilfe und die „Dritte Welt“ führen. Daher empfehle ich jedem Mitschüler, sich in unsere Projektarbeit einzubinden.