Türkeiaustausch

I)

Da lag sie vor mir - verregnet, ebenso unüberseh- wie unüberschaubar: 15 (?) Mio. Menschen, davon 14 Mio. Inlandsmigranten, parallel in oft kulturell eher eigenständigen Vierteln, übereinander in Hochhäusern, durcheinander in den verwinkelten Gassen, bevölkerten Plätzen und übervölkerten Märkten, erstaunlich friedlich untereinander und vielfach freundlich zueinander - und zu mir -, die Stadt auf zwei Kontinenten: Istanbul. Das war 1997.

 

II)

2004: In vier Wochen waren unsere Möbel in Deutschland. Wir standen Kopf; das Telefon ging: Die gemeinsamen Planungen für einen Schüleraustausch mit dem Europa-Kolleg liefen an: Diese Schule ist eine moderne türkische Privatschule mit einer fakultativ deutschsprachigen Grund- und Oberstufe. Schon im dazu gehörigen Kindergarten gibt es ein zweisprachiges Angebot, in der Oberstufe kann das Deutsche Sprachdiplom erworben werden. Würden sich genug Eltern finden, die ihre Kinder schon im siebten Schuljahr an einer solchen Begegnung teilhaben lassen?

 

III)

2005: Ende Januar – in der Türkei sind Winterferien, diesjährig im Anschluss an das bedeutendste islamische Fest, das Opferfest, treffen 11 Kinder in Bremen ein, verantwortungsvoll begleitet von Helga Hanim und Gülen Hanim (die nicht verwandt sind: „hanim“ heißt „Frau“, wenn das i ohne Punkt geschrieben wird).

Wichtiger als eine ausführliche Darstellung unseres Programms ist die Möglichkeit, bemerkenswerten Bericht geben zu können über ein völlig unkompliziertes und zugewandtes Miteinander der Kinder, das ohne die Aufgeschlossenheit und situative Wendigkeit der Eltern so nicht hätte zustande kommen können. So bestand z. B. das „Programm“ nach dem Tagesprogramm darin, dass sich bei Wintertemperaturen Jungen wie Mädchen u.a. spontan zum ausgedehnten Fußballspiel oder zum Schwimmen treffen konnten (und wollten), obwohl sie weit verstreut wohnten.

Wegen der sprachlichen Heterogenität wurden vorwiegend außerschulische Lernorte besucht, die unsere Region als Wirtschafts- und umweltbewussten Standort präsentieren sollten: Unser Kurort und seine in der Natur begründete medizinische Bedeutung, lokale Geschichte und Brauchtum, der Nationalpark Wattenmeer; die Daimler-Chrysler-Werke (nahe Istanbul in besonderer Bedeutung) und das interaktive Science-Museum in Bremen.

 

IV)

Wir heben ab - mit Blue Wings von Bremen nach Istanbul
2005: Ende April – in Istanbul Beginn der milderen Jahreszeit, wo einem türkischen Sprichwort zufolge nicht mehr sogar der Schaft der Axt verbrannt wird – : gespannt fliegen wir gen Atatürk-Flughafen, begleitet von umsichtigen Vorbereitungen der Eltern und von Esra Yildirim (Jg. 12), die uns eine große Hilfe sein wird.

Ein schuleigener Service-Bus bringt uns zum Europa-Kolleg, wo wir von den Gastgebereltern und -kindern sehr herzlich empfangen werden. Die besondere Gastfreundschaft der Türken – sie wird mir, obwohl sieben Jahre lang erfahren, in besonderer Weise bewusst und zuteil: Spontan mit- und aufgenommen, wird erst einmal gemeinsam gegessen und parliert; am folgenden Samstag, in und mit den Familien, werden wir von mittags bis spät abends kreuz und quer durch Istanbul chauffiert und verköstigt: Museen, Parks, Teegärten (meist mit Bosporus-Blick nach Asien) verfestigen sich in unserer Erinnerung zu grünen Inseln der Ruhe in einer nicht zu überhörenden Mammutstadt.

gemeinsamer sonntäglicher Ausflug in ein Dorf an der Pforte zum schwarzen Meer

Überhaupt kommt dem Sehen, Hören, Riechen, Schmecken hier eine besondere Bedeutung zu - in einer ebenso aromendurchflossenen wie zeitweise noch grobstaubbelasteten Umgebung, Feinstaub bindend. Der klare Blick, die gute Luft: Am Sonntag treffen sich alle Familien (die kennen sich auch bisher kaum) in Eminönü am Goldenen Horn, um zwei Stunden per Schiff bis zum Ausgang des Bosporus in das Schwarze Meer zu fahren: Typische Fischrestaurants erwarten uns mit paillettenartig schimmernden Auslagen frischer Meeresfrucht, dann, nach gemeinsamem Genuss derselben, erklimmen wir eine genueser Festungsruine, die uns einen herrlichen Blick auf das Schwarze Meer freigibt, durch nichts begrenzt als seitlich durch eher sanft ansteigende und –strategisch bedingt- hier kaum besiedelte Bosporusgestade und den mittlerweile vom Dunstvorhang befreiten Horizont weit nordöstlich. Fracht- und Tankschiffe durchpflügen vereinzelt und scheinbar stumm gelassen die gefährlichen Strömungen des die Kontinente trennenden Durchbruchs in Richtung Marmarameer.

Pforte zum schwarzen Meer

Bald findet sich eine gut gelaunte türkisch- deutsche Ausflugsgesellschaft wieder auf einem der typischen Linienschiffe ein, die tagtäglich unentwegt die Kontinente verbinden- im direkten Transfer oder –wie jetzt- während der zweistündigen Rückfahrt alternierend:

Vorbei an mediterran anmutenden Yachtanlegern, Buchten, Uferpromenaden, Villen und oft restaurierten, meist weißen Holzfassaden osmanischen Stils, unterhalb dunkelgrüner und oftmals blütenviolettschimmernder Steilgärten, zeitweise abgedunkelt von mächtigem Schattenwurf hindurch unter den beiden riesigen Brücken, die –seismisch resistent- wie stählerne Bänder die Kontinente zusammen zu halten scheinen (die europäische und die asiatische Seite der Stadt: ein Gleiches).

Die modernen Kleinbusse mit den großen Schul-Logos: Aus allen Richtungen treffen sie am Montag morgen auf dem großen Schulhof ein und entlassen in schwarz-gelb karierte Schuluniformen gekleidete Kinder und Jugendliche, die fröhlich das Gelände bevölkern – gewissermaßen unter den Augen Atatürks, des „Vaters der Türken“, unterhalb dessen goldbronzefarbenen Kopfes Mikrofon und Keybord den Tören ankündigen:

Montags vor und freitags nach dem Unterricht treten Schüler und Lehrer an, um gemeinsam den „Freiheitsmarsch“, die Nationalhymne, zu singen, Mitteilungen, Belobigungen zu erfahren, zu gedenken und musikalischen oder szenischen Darbietungen beizuwohnen (so wurde von den ländertypisch kostümierten Kleinsten vor einer großen selbst gemalten Weltkarte mit großem Wir-Gefühl die friedliche Verbundenheit mit den Menschen Europas, Asiens und der Welt szenisch präsentiert).

Montag und Freitag: Beginn und Ende der Schulwoche mit dem Tören unter der Büste Atatürks

Büste, Kopfrelief oder Bilder Mustafa Kemal Atatürks, der am 29.10.1923 die Republik mit der Hauptstadt Ankara ausgerufen hat, sind nicht nur in Schulen allgegenwärtig und symbolisieren den Laizismus, die Trennung von Religion und Staat.

Nach dem Tören ist ein Rundgang durch das zweigeschossige, sehr helle und modern ausgestattete Schulgebäude geplant. Es umschließt einen sonnigen Innenhof, beherbergt Cafeteria, Turnhalle, Konferenzsaal und Mensa und teilt sich das geräumige baumbeschattete Areal mit einer Sportanlage (Basket- und Fußball), einer kleinen Verwaltungseinheit sowie einer Bibliothek in einer vormals orthodoxen Kapelle. Dieses Ensemble weist sich historisch-architektonisch als Teil einer Gesamtanlage aus, die ihr Pendant auf dem Nebengrundstück in Form eines -ehemals griechischen- Krankenhauses findet, das für uns Bedeutung erlangen soll: Einer von uns wird sich morgen bei einem der Fußballspiele nach Schule und Besichtigung den Finger brechen und hier fachkundig behandelt werden, wobei Esra -wie immer- nicht nur durch ihre Zweisprachigkeit sehr hilfreich ist.

Bei strahlendem Sonnenschein fährt unser Bus die Schnellstraße am Marmarameer entlang bis kurz vor den Eingang zum Bosporus, um dann einzutauchen in den historischen Kern: 1000 Jahre Byzantion als Teil des Attischen Seebundes, 1600 Jahre Konstantinopel mit der Hagia Eirene als geistigem Zentrum orthodoxer Christenheit, dazu die Hagia Sophia und das Hippodrom; dann, 1453, Mehmet „Fatih“ (=der Eroberer), der von Osten her seine Kriegsschiffsflotte siegreich über die Berge transportierte, weil eine schwere Kette im Goldenen Horn den Schiffen Zugang verwehrte:

Lenzen von Lunchpaketen auf dem Gelände des Topkapi-Serail

Nun entstanden der Topkapi-Palast und –gegenüber der Hagia Sophia- die Blaue (Sultan Ahmet-) Moschee, einzige mit sechs Minaretten, einzig in ihrer Ausstattung, die wir nun zuerst besichtigen. Ganz in der Nähe fällt ein prächtig ausgestatteter Brunnenbau auf, gut bedachtes Geschenk Kaiser Wilhelms II. an den letzten Sultan: Wasser spendet Leben, reinigt den Körper und symbolisch den Geist – durstig lassen wir uns im schattigen Park zwischen Sultanspalast und H. Eirene nieder, leeren unsere Lunchpakete und lenzen Tetrapaks.

Jeden Tag werden wir seitens der Gasteltern bzw. des Europa-Kollegs verpflegt, transportiert, bei Eintritten frei gehalten und begleitet. Um 15:00 müssen wir wieder in der Schule sein, weil von dort aus die Servicebusse in alle Richtungen fahren.

Dienstag: Wir erkunden die Istiklalstraße, früher wie heute Flaniermeile mit unzähligen Geschäften, Garküchen, Restaurants, bis spät nachts übrigens voller Leben, als wäre jeder Tag ein besonderer Anlass sich zu treffen, immer begleitet von einem akustischen Wahrzeichen: dem unverwechselbaren Klingeln der alten restaurierten Straßenbahn – „ich höre Istanbul“, so der Titel eines Gedichtes.

Nach der Besichtigung der Saint-Antoinne-Kirche geht’s zurück zur Schule: Teilnahme am Unterricht. Diese erfolgt in kleinen Gruppen. So fungieren unsere Schüler z. B. als Interview-Partner in den Klassen der Gastgeberkinder und erarbeiten gemeinsam mit ihnen türkisch-deutsche Begriffsbereiche.

Deutsche Kinder helfen beim DaF (Deutsch als Fremdsprache) - Unterricht

Dabei handelt es sich um eine Gruppenstärke von 15 Kindern im „DaF“-Unterricht (Deutsch als Fremdsprache). Folgende Wahrnehmungen werden berichtet: Lauter, spontaner, sehr temperamentvoll, sehr offen und auf einen zugehend, und auch: alles im Griff seitens der Lehrerin.

In einer anderen Stunde bemüht man sich, die Zielsprache Englisch mit der Begleitsprache Deutsch zu unterrichten: Lebhaftigkeit, große Hilfsbereitschaft und Offenheit werden von unseren SchülerInnen herausgestellt. Im türkischen Fachunterricht schließlich (Mathe) gehe es ruhiger zu, gleichwohl ebenso freundlich und zugewandt. Auch in den Gastgeberfamilien und seitens der LehrerInnen dominieren Fürsorglichkeit, unaufdringliche Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft

Mittwoch: Die Uhren des Dolmabahce Sarayi („Palast des gefüllten Gartens“) zeigen seit dem 10.11.1938 die Zeit 9:05 an; hier verstarb Atatürk, unterhalb des heutigen Besiktas-Stadions, am Ufer des Bosporus, in einem der 285 Zimmer, von denen wir einige im Rahmen einer Führung besichtigen:

Im Dolmabahce-Palast

Der lichtgedämpfte Luxus lässt Teppiche und Seiden erschimmern und soll unsere Wahrnehmung des sonnenlichtgefüllten Gartens mit Blick auf den heute hellblauen Bosporus schärfen:

Wir fahren weiter, um in einem Bürgerpark unsere mitgebrachte Verpflegung zu verzehren, und überqueren nun auf unserem „Weg nach Asien“ den riesigen Spannbogen der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke. Von hier und von den Camlica-Hügeln, unserem Ziel, eröffnen sich weit reichende Blicke über den Bosporus bzw. über die europäische Seite der Stadt, die sich zunehmend mit Hochhaussäulen gegen den Horizont abgrenzt: „Mit spektakulären Bauvorhaben lockt Istanbul die Investoren“ (FAZ, Juni 2005).

Donnerstag: Zunächst Verbleib in der Schule, parallel medizinische Versorgung (s.o.) und danach in der Stadt eine solche mit Lunchpaketen; dann Erkunden einer Apotheke (den verstauchten Fuß und die entsprechende Note übergehe ich hier) und gruppenweise des gedeckten Basars; anschließend entdecken wir den sog. Ägyptischen Basar mit seinen Gewürzduft- und Farbsymphonien. Der wiederholte Hinweis auf die Bedeutung der Sinne in dieser Umgebung mag zum eigenen Erleben anregen.

Besonders erwähnens- und lobenswert jedoch ist die Zuverlässigkeit eines jeden Einzelnen in der Gruppe, die für eine Unternehmung in diesem Umfeld unabdingbar ist.

Freitag: Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen veranstalten eine gemeinsame Abschiedsgrillparty in der Schule.

Ein Abschlussfoto

Die Atmosphäre ist sehr freundschaftlich und zugewandt. Der Rest der Zeit wird in den Familien verbracht, die sich am nächsten Tag alle am Flughafen einfinden. Mit großer Herzlichkeit und nicht ohne Abschiedsgeschenke werden wir zum Einchecken begleitet.

 

V)

Hinter uns liegt Istanbul, und der Wunsch wird laut, diese Reise und Begegnung zu wiederholen.

Ich danke all denen, die es ermöglicht haben: hier und in der „Perle am Bosporus“.

Hans Janßen

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