Wenn zwei sich streiten – schlichtet der Dritte (Bericht von Herrn Wilke)
Streitschlichter am GZE stehen für ihren Einsatz bereit
Um gleich mit einem Blick auf das wahre Leben zu beginnen, wie es uns die Literatur ja so oft ermöglicht:
„Wir wohnten im 3. Stock mitten in der Stadt und haben uns nie etwas zu Schulden kommen lassen, auch mit Dörfelts von gegenüber verband uns eine jahrelange Freundschaft, bis die Frau sich kurz vor dem Fest unsere Bratpanne auslieh und nicht zurückbrachte. Als meine Mutter dreimal vergeblich gemahnt hatte, riss ihr eines Tages die Geduld, und sie sagte auf der Treppe zu Frau Muschg, die im 4. Stock wohnt, Frau Dörfelt sei eine Schlampe.
Irgendwer muss das den Dörfelts hinterbracht haben, denn am nächsten Tag überfielen Klaus und Achim unseren Jüngsten, den Hans, und prügelten ihn windelweich. (...)“
Natürlich ist das „bloß“ Literatur. Aber in ihr menschelt es doch sehr. Ein Blick auf das Ende der Dörfelt-Geschichte mag dies verdeutlichen. Viele möglichen Register einer Auseinandersetzung werden von beiden Parteien gezogen (zerstörte Glasscheiben, Schläge, herumsausende Blumentöpfe, Luftgewehreinsatz), aber alles ist noch steigerbar:
„Wir robbten sofort hinaus und rissen die Tarnung von der Atombombe.(...) Mit einem unvergesslichen Fauchen verließ die Atomgranate das Rohr, zugleich fauchte es auch auf der Gegenseite. Die beiden Geschosse trafen sich genau in der Straßenmitte. Natürlich sind wir nun alle tot. (...) Aber eines muss man sagen, wir haben das Unsere getan, schließlich kann man sich nicht alles gefallen lassen. Die Nachbarn tanzen einem sonst auf der Nase herum.“ (Gerhard Zwerenz)
Ich weiß, dieser traurige Schluss hat für viele einen Fehler: Es geht gemeinsam in den Abgrund. Beide Parteien verlieren. Da wäre es doch –vordergründig- schöner und intelligenter, wenn nur eine Streitpartei verlöre. Denn: Es muss doch immer einen Sieger geben. So heißt es, und so lernen wir es.
Wie aber aus einem Konflikt mit der ihm eigenen Eskalationsdynamik (Verhärtung, Schwarz-Weiß-Sichtweisen, Gerüchteküche, Drohungen, Gewinnung von Parteigängern, Aggressions- und Zerstörungswünschen,...) wie aber, um den Satzanfang noch einmal aufzugreifen, aus einem Konflikt mit der Tendenz zu Sieg und Niederlage eine Entwicklung zu einer „double-win-Situation“ (beide Parteien profitieren davon) zu bewerkstelligen ist, dies ist das Anliegen und die Aufgabe der Streitschlichter-AG unseres Gymnasiums. Aus meiner Sicht kann man sogar von einer dreifachen Gewinnsituation sprechen, da nicht nur die streitenden Parteien, sondern auch die schlichtenden Mitschüler einen Zugewinn an Erfolg, Erfahrung und kreativer Problemlösung haben.
Wie sieht die Arbeit in einer Streitschlichter-AG aus, was wird gelernt?
Hier einige Antworten:
Austausch über eigene Konflikterfahrungen (Anlässe, Bearbeitungsstrategien, Lösungsideale)
Beschäftigung mit den Stufen einer Konflikteskalation (je höher die Eskalationsstufe, desto schwieriger die Konfliktlösung)
Rollenspiele zur Bearbeitung von konstruierten oder auch tatsächlichen Konfliktgeschichten
Mobbing als Verhalten definieren und Hilfsstrategien entwickeln
Modelle der Streitschlichtung miteinander vergleichen
Das sprachliche Verhalten beobachten, Gesprächsabläufe und Verfahrensschritte einüben.
Erkennbar wird an diesen Inhalten das Bemühen, eine oft verhärtete Konfliktsituation in eine konstruktive Entwicklungsgeschichte umzuschreiben. Für unsere Schule bedeutet dies, uns wechselseitig zu ermutigen, sich verfestigende Streitigkeiten, Gewalt- oder Mobbingsituationen nicht stillschweigend auszuhalten oder zu ertragen. Wenn Versuche zur Selbstlösung fehlschlagen, muss nötigenfalls mit Hilfe Dritter der Konflikt offen angesprochen und gelöst werden.
Oft fällt es leichter, weil gewohnt, Größere oder Erwachsene, Lehrer oder sonstige Autoritätspersonen mit der Aufgabe zu betrauen, einen Konflikt zu lösen. Aber auch etwa gleichaltrige Mitschülerinnen und Mitschüler können Techniken und Kompetenzen entwickeln, damit die streitenden Parteien freiwillig, vertraulich und selbstständig mit ihrer Hilfe neue Lösungswege finden. Insofern ist es notwendig, dass Lehrer wie Schüler umlernen. Die Lehrer müssen nicht jeden Konflikt unter Schülern bearbeiten, die Schüler finden Rat und Tat auch bei ihresgleichen.
Es gilt also für Eltern, Lehrkräfte sowie Schüler gleichermaßen, gegenüber der Anbahnung von Konflikten unter den Schülern wach zu bleiben und sie diese Konflikte – wo möglich – durch die Mitwirkung von zu Streitschlichtern ausgebildeten Schülerinnen und Schülern lösen zu lassen.
Ergänzendes:
Erreichbar sind die Streitschlichter durch eine entsprechende Liste mit Foto am Schwarzen Brett, über den Beratungslehrer bzw. die sonstigen Lehrkräfte.
Aktuelle Streitschlichter:
Merle Middendorf, 6c
Maria Schwidergoll, 6c
Marina Dalle, 6a
Laura Zeitzmann, 7d
Niclas Terheyden, 7d
Jannic Jacobs, 7d
Maximilian Barth, 9f
Björn Bölts, 9f
Henrik Sandstede, 9f
Hauke Schmidt, 9f
Florian Steiner, 9f
Kevin Hemken, 9f
Sabine Drieling, 10a
Kathrin Wilke, 10a
Stephanie Müllmann, 12. Jg.
Imke Wohlers, 12. Jg.
Luise Weiß, 12. Jg.
Beratungslehrer: Stephan Wilke